Biograf der Bundesrepublik

Okt 19th, 2009 | von | Kategorie: Kultur im Küchenland
Wirtschaftshistoriker Professor Dr. Werner Abelshauser

Wirtschaftshistoriker Professor Dr. Werner Abelshauser

Sie ist alt geworden, grauhaarig und faltig. Eigentlich feiert sie dieses Jahr 60. Geburtstag. Aber wenn der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser Recht hat, ist sie ein paar Jahre älter als sie das zugeben will und gezeugt wurde sie in Amerika: die Bundesrepublik. Am Mittwoch erzählte Abelshauser im Forum der Volkshochschule aus dem Leben dieses ältesten deutschen Staates.
Für seinen Vortrag wählte Abelshauser den Blickwinkel des Biografen. Die 17 Zuhörern im Saal folgten seiner Perspektive aufmerksam und ohne Widerspruch. Die meisten Besucher waren älter als die Bundesrepublik, Abelshauser selbst ist 1944 geboren. Der Historiker sprach also über gelebte Geschichte. Doch statt sich in Anekdoten zu verlieren, räumte Abelshauser mit mehreren Gründungsmythen auf.
Abelshausers erste Frage galt dem Geburtstag der Bundesrepublik. Wann wurde dieser Staat geboren? Am 23. Mai 1949 als Adenauer das Grundgesetz verkündete oder am 20. Juni 1948 als die Währungsreform in Kraft trat und mit der D-Mark auch die deutsch-deutsche Spaltung besiegelt wurde oder bereits Ende 1946, Anfang 1947 als sich die USA für den Wiederaufbau der Westzonen entschieden?
Abelshauser argumentierte für die dritte Möglichkeit. Damit wäre die Bundesrepublik etwa 63 Jahre alt. Das etwas vage Geburtsdatum erklärte der Wirtschaftshistoriker mit wichtigen Entscheidungen, die nicht etwa in Bonn, sondern in Washington getroffen wurden. Die USA hätten sich in dieser Zeit gegen den Morgenthau-Plan und für den Wiederaufbau entschieden. Deutschland sollte Brückenkopf der USA in Europa werden. Abelshauser: „Sie sehen: Die Zeugung hat ein bisschen gedauert.“ Und einschränkend fügte er hinzu: „Zeitgenossen würden für die Währungsreform als Geburtstag stimmen.“
Das Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit, das Zeitgenossen als „Wirtschaftswunder“ erlebten, war aus Sicht des Historikers kein Wunder. Die deutsche Wirtschaft sei nach 1945 zügig in die Weltwirtschaft eingegliedert worden. Abelshauser: „Deutschland war zwar arm, aber nicht unterentwickelt.“ Viele Anlagen seien im Krieg gar nicht zerstört worden, weil sich die Luftangriffe ab 1943 vor allem gegen die Zivilbevölkerung gerichtet hätten.
Der Marshall-Plan und sein Erfinder US-Außenminister George C. Marshall taugen aus Sicht des Historikers auch nicht als Hebamme der Bundesrepublik. „Es ist kein einziger Dollar nach Deutschland geflossen“, sagte Abelshauser. Das Wirtschaftswunder sei aus deutschen Ressourcen gekommen. Deutschland habe schnell Maschinen nach Großbritannien und die USA liefern können. Diese Freiheit sei Marktwirtschaft: „Von Sozialer Marktwirtschaft war bis Ende der 1950er Jahre nichts zu sehen.“
Dennoch hofften die Deutschen nach wie vor auf ähnliche Wachstumsraten wie in den 1950er Jahren. Abelshauser: „Das ist absurd und aberwitzig.“ Zwei Prozent Wachstum wären schön: „Dann wären wir in 20 Jahren schuldenfrei.“
Seine biografische Skizze der Bundesrepublik kam beim Publikum gut an. Viele Köpfe nickten zustimmend. Die Nachfragen thematisierten den Erfolg des Euro (Abelshauser: „Hätte ich nicht gedacht“) und die Folgen der Verschuldung („Binnenschulden sind eigentlich harmlos. Der Staat steht nur bei den eigenen Bürgern in der Kreide“). Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende der Weserhütte, Heinz Vogelsang, versuchte Abelshauser für eine Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte zu gewinnen, der dieser jedoch auswich. Nach der Wirtschaftsgeschichte des zweiten deutschen Staates, der DDR, fragte niemand.

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